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Komplexverbindungen


Definition und Struktur

Koordinationsverbindungen (Komplexe) bestehen aus einem Zentralion/-atom (meist Metallion), das von Liganden koordiniert wird. Die Bindung ist eine koordinative Bindung: das Liganden-Donoratome liefert beide Elektronen für die Bindung.

Die Koordinationszahl (KZ) gibt die Zahl der direkt gebundenen Ligandenatome an. Typische Werte sind 2 (linear), 4 (tetraedrisch/quadratisch planar) und 6 (oktaedrisch).

Nomenklatur

Die IUPAC-Nomenklatur folgt diesen Regeln:

  1. Kationische Komplexe: Metallname mit Oxidationszahl in römischen Ziffern Beispiel: $\ce{[Co(NH3)6]^{3+}}$ → Hexaammincobalt(III)
  2. Anionische Komplexe: Metallname mit Endung -at; bei lateinischen Namen umgedreht: Ferrat → Eisen, Cuprat → Kupfer Beispiel: $\ce{[Fe(CN)6]^{4-}}$ → Hexacyanidoferrat(II)
  3. Ligandennamen: Anionische Liganden enden auf -o (Cl⁻ → Chlorido); neutrale Liganden bleiben meist unverändert (NH₃ → Ammin)
  4. Reihenfolge: Liganden in alphabetischer Ordnung vor dem Metall

Ligandentypen

Typ Donoratom Beispiele
Einzählige Liganden 1 NH₃, H₂O, Cl⁻, CN⁻
Mehrzählige Liganden ≥2 en (Ethylendiamin), EDTA⁴⁻
π-Akzeptoren C=C CO, Alken, Aromaten

Liganden beeinflussen die Reaktivität des Zentralions – starke π-Akzeptoren (z. B. CO) erhöhen die Elektronendichte am Metall.

Stabilität und Bildung

Die Stabilität eines Komplexes wird durch die Bildungskonstante $K_B$ beschrieben:

$$\ce{M + n L <=> [ML_n]} \quad K_B = \frac{[\ce{[ML_n]}]}{[\ce{M}] \cdot [\ce{L}]^n}$$

Die gesamte Bildungskonstante $\beta_n$ fasst alle Einzelschritte zusammen:

$$\beta_n = K_1 \cdot K_2 \cdot \ldots \cdot K_n$$

Typische Werte (log $\beta_n$)

  • $\ce{[Co(NH3)6]^{3+}}$: 35,2
  • $\ce{[Fe(CN)6]^{4-}}$: 42
  • $\ce{[Cu(en)2]^{2+}}$ (en = Bidentat): 20,0

Isomerie

Typ Beschreibung Beispiel
Strukturisomerie Unterschiedliche Verknüpfung der Atome Bindungsisomerie bei $\ce{[Co(NH3)5(NO2)]^{2+}}$/ $\ce{[Co(NH3)5(ONO)]^{2+}}$
Stereoisomerie Unterschiedliche räumliche Anordnung
- cis/trans Anordnung um Koordinationsebene $\ce{[Pt(NH3)2Cl2]}$
- optisch Nicht deckungsgleiche Spiegelbilder $\ce{[Co(en)3]^{3+}}$

Das Phänomen der optischen Isomerie bei oktaedrischen Chelatkomplexen ist die Grundlage für chiroptische Methoden wie die CD-Spektroskopie.

Anwendungen

  • Bioanorganische Chemie: Hämoglobin (Fe), Chlorophyll (Mg), Vitamin B12 (Co)
  • Katalyse: Homogene Katalyse für Polymerisationen, Hydrierungen
  • Analytik: Titrationsindikatoren (EBT), Maskierung von Metallionen
  • Medizin: Cisplatin als Zytostatikum
  • Farbe: Pigmente und Farbstoffe auf Komplexbasis

Übungen

  1. Benenne systematisch: $\ce{[Pt(NH3)2Cl2]}$, $\ce{Na[Au(CN)2]}$, $\ce{[Fe(H2O)6]^{3+}}$
  2. Erkläre, warum $\ce{[Co(en)3]^{3+}}$ optisch aktiv ist, $\ce{[Co(NH3)6]^{3+}}$ jedoch nicht.
  3. Berechne die Konzentration an freiem $\ce{Ni^{2+}}$ in einer Lösung, die $\pu{0.1 M}$ Ni²⁺ und $\pu{1.0 M}$ NH₃ enthält. $K_B(\ce{[Ni(NH3)6]^{2+}}) = 10^{8.74}$.
  4. Welche Art von Isomerie tritt in $\ce{[Co(NH3)4(NO2)2]NO3}$ auf? Skizziere die Isomere.