Gleichgewicht und Geschwindigkeit
Chemische Reaktionen laufen nicht alle mit der gleichen Geschwindigkeit ab. Manche sind explosionsartig schnell, andere brauchen Jahre. Zudem erreichen viele reversible Reaktionen ein chemisches Gleichgewicht. Das Verständnis dieser Konzepte ist essenziell für die chemische Industrie, Biochemie und Umweltwissenschaften.
Was ist die Reaktionsgeschwindigkeit?
Die Reaktionsgeschwindigkeit beschreibt, wie schnell die Konzentration eines Reaktanden oder Produkts pro Zeiteinheit ändert.
$$v = -\frac{\Delta c(\text{Reaktand})}{\Delta t} = +\frac{\Delta c(\text{Produkt})}{\Delta t}$$
- $v$ = Reaktionsgeschwindigkeit (mol/(L·s))
- $\Delta c$ = Konzentrationsänderung (mol/L)
- $\Delta t$ = Zeitänderung (s)
Beispiel: Die Zersetzung von Wasserstoffperoxid
$$\ce{2H2O2 -> 2H2O + O2}$$
Messung der Reaktionsgeschwindigkeit
Methoden zur Geschwindigkeitsbestimmung
Volumetrische Messung: Gasentwicklung messen
- Beispiel: Zersetzung von H₂O₂ (Sauerstoff-Entwicklung)
Kolorimetrische Messung: Farbänderung verfolgen
- Beispiel: Entfärbung von Kaliumpermanganat
Konduktometrische Messung: Leitfähigkeitsänderung
- Beispiel: Verseifung von Estern
Titration: Proben entnehmen und titrieren
- Beispiel: Veresterung
Faktoren influencing die Reaktionsgeschwindigkeit
1. Konzentration der Reaktanden
Je höher die Konzentration, desto schneller die Reaktion (mehr Teilchenkollisionen).
Gesetz der Massenwirkung: $$v \sim c(\text{Reaktand}_1) \cdot c(\text{Reaktand}_2)$$
2. Temperatur
Höhere Temperatur → schnellere Reaktion (mehr Teilchen mit ausreichender Energie).
RGT-Regel (Raoult-Guldberg- van’t Hoff):
Eine Erhöhung um 10 K verdoppelt bis vervierfacht die Geschwindigkeit.
Arrhenius-Gleichung: $$k = A \cdot e^{-E_a/(R \cdot T)}$$
- $k$ = Geschwindigkeitskonstante
- $A$ = Frequenzfaktor
- $E_a$ = Aktivierungsenergie
- $R$ = Gaskonstante
- $T$ = Temperatur (K)
3. Katalysatoren
Katalysatoren senken die Aktivierungsenergie und beschleunigen Reaktionen, ohne selbst verbraucht zu werden.
Beispiele:
- Platin in Katalysatoren (Autoabgase)
- Enzyme im Körper (biologische Katalysatoren)
- Eisen im Haber-Bosch-Verfahren
4. Oberfläche
Bei heterogenen Reaktionen: größere Oberfläche → schnellere Reaktion.
Beispiel: Zinkpulver reagiert schneller mit Säure als Zinkstücke
5. Druck (bei Gasen)
Höherer Druck → höhere Konzentration → schnellere Reaktion
Geschwindigkeitsgesetze
Reaktionsordnung
Die Reaktionsordnung gibt an, wie die Geschwindigkeit von den Konzentrationen abhängt.
Nullte Ordnung: $$v = k \quad \text{(unabhängig von Konzentration)}$$
Erste Ordnung: $$v = k \cdot c(A)$$
Zweite Ordnung: $$v = k \cdot c(A) \cdot c(B)$$
Beispiel: Zersetzung von N₂O₅
$$\ce{2N2O5 -> 4NO2 + O2}$$
$$v = k \cdot c(\ce{N2O5}) \quad \text{(1. Ordnung)}$$
Aktivierungsenergie
Die Aktivierungsenergie (Ea) ist die minimale Energie, die Teilchen benötigen, um zu reagieren.
Energieprofil:
Energie
↑
│ /\ Übergangszustand
│ / \
Ea / \
/ \
/ \__________
└─────────────────→ Reaktionskoordinate
Reaktanden Produkte
Katalysator-Wirkung:
Energie
↑
│ /\ Ohne Katalysator
│ / \
Ea1 / \
/ \
│ /\ Mit Katalysator
Ea2│ / \
│__/ \__________
└─────────────────→
Chemisches Gleichgewicht
Was ist ein chemisches Gleichgewicht?
Bei reversiblen Reaktionen können Reaktanden und Produkte miteinander reagieren. Im Gleichgewicht sind die Geschwindigkeiten von Hin- und Rückreaktion gleich.
Beispiel: $$\ce{N2 + 3H2 <=> 2NH3}$$
$$v(\text{hin}) = v(\text{rück})$$
Merkmale des Gleichgewichts
- Dynamisch: Reaktion läuft weiter, aber keine netto-Änderung
- Mikroskopisch: Einzelne Teilchen reagieren weiter
- Makroskopisch: Konzentrationen bleiben konstant
- Umkehrbar: Änderung der Bedingungen verschiebt Gleichgewicht
Massenwirkungsgesetz
Das Massenwirkungsgesetz beschreibt die Beziehung zwischen Konzentrationen im Gleichgewicht.
Für die Reaktion: $$aA + bB \rightleftharpoons cC + dD$$
Gilt: $$K = \frac{[C]^c \cdot [D]^d}{[A]^a \cdot [B]^b}$$
- $K$ = Gleichgewichtskonstante
- $[…]$ = Gleichgewichtskonzentration
Beispiel: Synthese von HI
$$\ce{H2 + I2 <=> 2HI}$$
$$K = \frac{[\ce{HI}]^2}{[\ce{H2}] \cdot [\ce{I2}]}$$
Prinzip von Le Chatelier
Das Prinzip von Le Chatelier besagt: Wenn ein System im Gleichgewicht gestört wird, verschiebt sich das Gleichgewicht, um die Störung zu kompensieren.
Einflussfaktoren auf das Gleichgewicht
1. Konzentrationsänderung
Mehr Reaktanden: Gleichgewicht verschiebt sich zu Produkten
Beispiel: $$\ce{N2 + 3H2 <=> 2NH3}$$
Mehr $\ce{H2}$ → mehr $\ce{NH3}$ (Produkt)
2. Druckänderung (bei Gasen)
Höherer Druck: Verschiebung zur Seite mit weniger Gasmolekülen
Beispiel: $$\ce{N2(g) + 3H2(g) <=> 2NH3(g)}$$
$$4 \text{ Mol Gas} \rightarrow 2 \text{ Mol Gas}$$
Höherer Druck → mehr $\ce{NH3}$ (weniger Gasmoleküle)
3. Temperaturänderung
Exotherme Reaktion ($\Delta H < 0$):
- Höhere Temperatur → Verschiebung zu Reaktanden (endotherme Richtung)
Endotherme Reaktion ($\Delta H > 0$):
- Höhere Temperatur → Verschiebung zu Produkten (endotherme Richtung)
Beispiel (exotherm): $$\ce{N2 + 3H2 <=> 2NH3} \quad \Delta H = -92 \text{ kJ/mol}$$
Höhere Temperatur → weniger $\ce{NH3}$
4. Katalysatoren
Katalysatoren beschleunigen Hin- und Rückreaktion gleichmäßig → keine Verschiebung des Gleichgewichts, nur schnellere Einstellung.
Praktische Anwendungen
Haber-Bosch-Verfahren (Ammoniak-Synthese)
N₂ + 3H₂ ⇌ 2NH₃ ΔH = -92 kJ/mol
Optimierung nach Le Chatelier:
- Höherer Druck (200-300 bar): verschiebt zu NH₃ (weniger Gasmoleküle)
- Mittlere Temperatur (400-500°C): Kompromiss zwischen Geschwindigkeit und Ausbeute
- Eisen-Katalysator: beschleunigt Einstellung
- Entfernen von NH₃: verschiebt Gleichgewicht zu Produkten
Kontaktverfahren (Schefelsäure-Produktion)
2SO₂ + O₂ ⇌ 2SO₃ ΔH = -198 kJ/mol
Optimierung:
- Höherer Druck (1-2 bar)
- Mittlere Temperatur (400-450°C)
- Vanadium-Pentoxid-Katalysator (V₂O₅)
Ostwald-Verfahren (Salpetersäure)
4NH₃ + 5O₂ ⇌ 4NO + 6H₂O ΔH = -907 kJ/mol
Reaktionstypen
Homogene Reaktionen
Alle Reaktanden in gleicher Phase (z.B. alle in Lösung)
Beispiel: Neutralisation
HCl + NaOH → NaCl + H₂O
Heterogene Reaktionen
Reaktanden in verschiedenen Phasen (z.B. Gas + Feststoff)
Beispiel: Verbrennung
C(s) + O₂(g) → CO₂(g)
Katalytische Reaktionen
Reaktionen mit Katalysator (beschleunigt, aber nicht verbraucht)
Beispiel: Hydrolyse von Stärke mit Amylase
Experimente
Experiment 1: Temperaturabhängigkeit
Materialien: Natriumthiosulfat, Salzsäure, Wasserbad, Stoppuhr
Durchführung:
- Natriumthiosulfat mit Salzsäure bei verschiedenen Temperaturen mischen
- Zeit bis zur Trübung messen
- Geschwindigkeit berechnen
Erklärung: Höhere Temperatur → schnellere Reaktion (RGT-Regel)
Experiment 2: Katalysator-Wirkung
Materialien: Wasserstoffperoxid, Mangandioxid, Spatel
Durchführung:
- H₂O₂ zersetzen (ohne Katalysator)
- MnO₂ zugeben
- Gasentwicklung beobachten
Erklärung: Katalysator senkt Aktivierungsenergie
Experiment 3: Gleichgewichtsverschiebung
Materialien: CoCl₂-Lösung, HCl-Wasser, Konz. HCl
Durchführung:
- CoCl₂-Lösung (rosa) mit HCl versetzen
- Farbwechsel zu blau beobachten
- Verdünnen (Wasser zugeben)
Erklärung: Gleichgewichtsverschiebung durch Konzentrationsänderung
[Co(H₂O)₆]²⁺ (rosa) + 4Cl⁻ ⇌ [CoCl₄]²⁻ (blau) + 6H₂O
Berechnungen
Geschwindigkeitskonstante berechnen
Beispiel: Zersetzung von H₂O₂
2H₂O₂ → 2H₂O + O₂
Messung:
t = 0 s: c(H₂O₂) = 0.1 mol/L
t = 60 s: c(H₂O₂) = 0.05 mol/L
v = -Δc/Δt = -(0.05 - 0.1)/60 = 8.33·10⁻⁴ mol/(L·s)
Halbwertszeit
Die Halbwertszeit (t₁/₂) ist die Zeit, in der die Hälfte des Reaktanden verbraucht wird (1. Ordnung).
t₁/₂ = ln(2)/k = 0.693/k
Lernziele
Nach Abschluss dieses Themenbereichs sollten Sie:
- ✅ Die Reaktionsgeschwindigkeit definieren können
- ✅ Methoden zur Geschwindigkeitsmessung kennen
- ✅ Faktoren beeinflussen die Reaktionsgeschwindigkeit erklären können
- ✅ Geschwindigkeitsgesetze anwenden können
- ✅ Die Arrhenius-Gleichung verstehen können
- ✅ Das chemische Gleichgewicht beschreiben können
- ✅ Das Massenwirkungsgesetz anwenden können
- ✅ Das Prinzip von Le Chatelier vorhersagen können
- ✅ Technische Anwendungen (Haber-Bosch) erklären können
Weiterführende Themen
- Energetik – Energieumsatz bei Reaktionen
- Redoxreaktionen – Reaktionsmechanismen
- Analytische Methoden - Reaktionsverfolgung
- Reaktionsgleichungen ausgleichen – Interaktives Tool
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