Reaktionstypen der Organischen Chemie
Die organische Chemie zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt an Reaktionen aus. Das Verständnis der grundlegenden Reaktionstypen – Substitution, Addition, Elimination – ist der Schlüssel zum Verständnis komplexer synthetischer Wege in der Forschung und Industrie. Von der Herstellung einfacher Kunststoffe bis zur Synthese komplexer Wirkstoffe – diese Reaktionstypen sind überall.
Überblick der Reaktionstypen
Die vier Haupttypen organischer Reaktionen:
- Substitution – Austausch eines Atoms oder einer Atomgruppe
- Addition – Anlagerung an eine Doppel- oder Dreifachbindung
- Elimination – Abspaltung unter Bildung einer Mehrfachbindung
- Redoxreaktionen – Elektronenübertragung (siehe auch Redoxreaktionen)
Substitutionsreaktionen
Was ist eine Substitution?
Bei Substitutionsreaktionen wird ein Atom oder eine Atomgruppe durch ein anderes ersetzt.
Allgemeines Schema:
$$\ce{R-X + Y -> R-Y + X}$$
Nucleophile Substitution (S_N)
Nucleophile Substitution – Angreifer (Nucleophil) ersetzt eine Abgangsgruppe.
S_N2-Mechanismus (bimolekular)
Eigenschaften:
- Einzeitiger Prozess
- Inversion am Kohlenstoff (Walden-Umkehr)
- Kinetik: $v = k[\ce{R-X}][\ce{Nu-}]$
Beispiel: Hydrolyse von Methyliodid
$$\ce{CH3I + OH- -> CH3OH + I-}$$
Übergangszustand:
H
|
H — C — I + OH⁻ → [H₃C---I---OH]‡ → CH₃OH + I⁻
|
H
Faktoren:
- Primäre Halogenide reagieren am schnellsten
- Sterische Hinderung verlangsamt Reaktion
- Polare aprotische Lösungsmittel beschleunigen
S_N1-Mechanismus (unimolekular)
Eigenschaften:
- Zweizeitiger Prozess
- Bildung eines Carbocations (Zwischenstufe)
- Kinetik: $v = k[\ce{R-X}]$
Beispiel: Hydrolyse von tert-Butylchlorid
Schritt 1: $\ce{(CH3)3C-Cl -> (CH3)3C+ + Cl-}$ (langsam)
Schritt 2: $\ce{(CH3)3C+ + OH- -> (CH3)3C-OH}$ (schnell)
Gesamt: $\ce{(CH3)3C-Cl + OH- -> (CH3)3C-OH + Cl-}$
Faktoren:
- Tertiäre Halogenide reagieren bevorzugt
- Stabile Carbikationen fördern Reaktion
- Polare protische Lösungsmittel begünstigen
Elektrophile Substitution (S_E)
Elektrophile Substitution –typisch für Aromaten
Beispiel: Nitrierung von Benzol
$$\ce{C6H6 + HNO3 -> C6H5NO2 + H2O}$$
Mechanismus: $$\ce{C6H6 + NO2+ -> C6H6-NO2+} \text{ (Komplex)}$$
$$\ce{C6H6-NO2+ -> C6H5NO2 + H+}$$
Anwendung:
- Herstellung von Nitrobenzol
- Sulfonierung
- Friedel-Crafts-Alkylierung
Radikalische Substitution
Radikalische Substitution – Kettenreaktion mit Radikalen
Beispiel: Chlorierung von Methan
Initiierung: $\ce{Cl2 -> 2Cl^.}$ (Licht/Hitze)
Propagation: $\ce{CH4 + Cl^. -> CH3^. + HCl}$
$\ce{CH3^. + Cl2 -> CH3Cl + Cl^.}$
Terminierung: $\ce{2Cl^. -> Cl2}$
$\ce{2CH3^. -> C2H6}$
$\ce{CH3^. + Cl^. -> CH3Cl}$
Additionsreaktionen
Was ist eine Addition?
Bei Additionsreaktionen lagern sich Atome oder Moleküle an eine Doppel- oder Dreifachbindung an.
Allgemeines Schema:
$$\ce{R1-CH=CH-R2 + A-B -> R1-CH(A)-CH(B)-R2}$$
Elektrophile Addition
Beispiel: Addition von Brom an Ethen
$$\ce{CH2=CH2 + Br2 -> CH2Br-CH2Br}$$
Mechanismus:
Schritt 1: $\ce{CH2=CH2 + Br2 -> CH2-CH2-Br+ + Br-}$
Schritt 2: $\ce{CH2-CH2-Br+ + Br- -> CH2Br-CH2Br}$
Markownikow-Regel:
Bei Addition von HX an unsymmetrische Alkene lagert sich H an das C mit mehr H-Atomen:
$$\ce{CH3-CH=CH2 + HBr -> CH3-CHBr-CH3}$$
(Propen) → (2-Brompropan)
Nucleophile Addition
Beispiel: Addition von Wasser an Aldehyde
$$\ce{R-CHO + H2O -> R-CH(OH)2}$$
Beispiel: Cyanhydrat-Bildung
$$\ce{R-CHO + HCN -> R-CH(OH)-CN}$$
Katalytische Hydrierung
Beispiel: Hydrierung von Ethen
$$\ce{CH2=CH2 + H2 -> CH3-CH3}$$
Katalysator: Pd, Pt, Ni
Anwendung:
- Härtung von Fetten
- Reduktion von Alkenen zu Alkanen
Eliminierungsreaktionen
Was ist eine Elimination?
Bei Eliminierungsreaktionen werden Atome oder Gruppen aus benachbarten Kohlenstoffatomen abgespalten, wobei eine Doppelbindung entsteht.
Allgemeines Schema:
$$\ce{R-CH2-CH2-X -> R-CH=CH2 + HX}$$
E1-Mechanismus (unimolekular)
Beispiel: Elimination aus 2-Brom-2-methylpropan
Schritt 1: $\ce{(CH3)3C-Br -> (CH3)2C=CH2 + HBr}$
Schritt 2: $\ce{(CH3)2C=CH2 + Br- -> \text{Produkte}}$
Eigenschaften:
- Bildung eines Carbocations
- Konkurrenz mit S_N1
- Saytzeff-Regel: Wasserstoff wird vom benachbarten Kohlenstoff mit weniger Wasserstoffatomen entfernt
E2-Mechanismus (bimolekular)
Beispiel: Elimination aus 1-Brompropan
$$\ce{CH3-CH2-CH2-Br + Base -> CH3-CH=CH2 + HBr}$$
Base ($\ce{OH-}$) entfernt H, während $\ce{Br-}$ abspaltet
Eigenschaften:
- Einzeitiger Prozess
- Anti-periplanare Anordnung von H und Abgangsgruppe
- Konkurrenz mit S_N2
Konkurrenz: Substitution vs. Elimination
Wann tritt was auf?
| Bedingung | Substitution | Elimination |
|---|---|---|
| Primäres Halogenid | S_N2 dominiert | E2 bei starker Base, hoher Temperatur |
| Sekundäres Halogenid | S_N2/E2 Konkurrenz | E2 bei starker Base |
| Tertiäres Halogenid | S_N1 bei schwachem Nucleophil | E1 bei starker Base, hoher Temperatur |
Beispiel: 2-Brombutan
Mit schwachem Nucleophil ($\ce{H2O}$): S_N1 → 2-Butanol
Mit starker Base ($\ce{OH-}$): E2 → But-2-en
Polymerisation
Was ist Polymerisation?
Polymerisation ist die Verknüpfung vieler kleiner Moleküle (Monomere) zu großen Molekülen (Polymeren).
Kettenpolymerisation (Additionspolymerisation)
Radikalische Polymerisation
Beispiel: Polyethylen aus Ethen
Initiierung: $\ce{Radikal^. + CH2=CH2 -> ^.CH2-CH2^.}$
Wachstum: $\ce{^.CH2-CH2^. + n CH2=CH2 -> ^.(CH2-CH2)_{n}^.}$
Terminierung: $\ce{2 ^.(CH2-CH2){n}^. -> (CH2-CH2){2n}}$
Anwendung:
- Polyethylen (PE)
- Polypropylen (PP)
- Polystyrol (PS)
- PVC (Polyvinylchlorid)
Polykondensation
Polykondensation – Monomere verbinden sich unter Abspaltung kleiner Moleküle.
Beispiel: Polyamid (Nylon) aus Hexamethylendiamin und Adipinsäure
$$\ce{n H2N-(CH2)6-NH2 + n HOOC-(CH2)4-COOH ->}$$
$$\ce{-> -(NH-(CH2)6-NH-CO-(CH2)4-CO)_{n}- + 2n H2O}$$
Anwendung:
- Nylon (Polyamid)
- PET (Polyethylenterephthalat)
- Polycarbonate
Weitere wichtige Reaktionstypen
Oxidation und Reduktion
Oxidation von Alkoholen:
Primärer Alkohol: $\ce{R-CH2-OH -> R-CHO -> R-COOH}$
(Aldehyd) → (Carbonsäure)
Sekundärer Alkohol: $\ce{R2CH-OH -> R2C=O}$
(Keton)
Tertiärer Alkohol: $\ce{R3C-OH -> \text{keine Oxidation}}$
Beispiel: Oxidation von Ethanol
$$\ce{CH3CH2OH + [O] -> CH3CHO + H2O}$$
(Alkohol) → (Aldehyd)
Veresterung
Veresterung – Carbonsäure + Alkohol reagieren zu Ester + Wasser
$$\ce{R-COOH + R’-OH <=> R-COO-R’ + H2O}$$
Katalysator: Säure ($\ce{H2SO4}$)
Beispiel: Essigsäure + Ethanol → Essigsäureethylester
$$\ce{CH3COOH + C2H5OH <=> CH3COOC2H5 + H2O}$$
Verseifung
Verseifung – Ester-Hydrolyse mit Lauge
$$\ce{R-COO-R’ + NaOH -> R-COONa + R’-OH}$$
Anwendung: Herstellung von Seife aus Fetten
Reaktionsmechanismen verstehen
Energieprofile
S_N2:
Energie
↑
│ /\ Übergangszustand
Ea │ / \
│ / \
│___/ \__________
└─────────────────→
Edukte Produkte
S_N1:
Energie
↑
│ /\ Carbokation
Ea │ / \ (Zwischenstufe)
│ / \
│/ \__________
└─────────────────→
Edukt Produkte
Regeln für Reaktionsverlauf
Hammond-Postulat: Der Übergangszustand ähnelt energetisch der nächstgelegenen Spezies (Edukt oder Produkt).
Bell-Evans-Polanyi-Prinzip: Exotherme Reaktionen haben frühe Übergangszustände, endotherme Reaktionen späte.
Praktische Anwendungen
1. Kunststoffherstellung
Polyethylen (PE):
$$\ce{n CH2=CH2 -> -(CH2-CH2)_{n}-}$$
Polypropylen (PP):
$$\ce{n CH2=CH-CH3 -> -(CH2-CH(CH3))_{n}-}$$
2. Pharmazeutische Industrie
Aspirin-Synthese:
Salicylsäure + Essigsäureanhydrid → Acetylsalicylsäure + Essigsäure
3. Lebensmittelchemie
Margarine-Herstellung:
- Hydrierung ungesättigter Fettsäuren
4. Farbstoffsynthese
Azofarbstoffe:
Diazotierung + Kupplung → Azoverbindung (Farbstoff)
Experimente
Experiment 1: Addition von Brom
Materialien: Ethen (oder Cyclohexen), Bromwasser
Durchführung:
- Bromwasser in Gasentwicklungsapparat
- Eten zuleiten
- Entfärbung beobachten
Erklärung: Elektrophile Addition an Doppelbindung
Experiment 2: Veresterung
Materialien: Essigsäure, Ethanol, konc. H₂SO₄, Wasserbad
Durchführung:
- Alle Komponenten mischen
- Erhitzen (60°C, 10 Min)
- Geruch beobachten
Erklärung: Bildung von Essigsäureethylester
Experiment 3: Polymerisation (Modell)
Materialien: Styrol, Peroxid (Initiator), Wasserbad
Durchführung:
- Styrol mit Peroxid mischen
- Erhitzen (80°C)
- Verfestigung beobachten
Erklärung: Radikalische Kettenpolymerisation
Vorhersage von Reaktionen
Checkliste für Reaktionsverlauf:
Welche funktionelle Gruppe?
- C=C: Addition möglich
- C-X: Substitution/Elimination
- C=O: Nucleophile Addition
Welche Reaktionsbedingungen?
- Base: Elimination/Substitution
- Säure: Katalyse
- Hitze: Elimination begünstigt
Welches Lösungsmittel?
- Polar protisch: S_N1/E1
- Polar aprotisch: S_N2
Welche Struktur?
- Primär: S_N2
- Sekundär: Konkurrenz
- Tertiär: S_N1/E1
Lernziele
Nach Abschluss dieses Themenbereichs sollten Sie:
- ✅ Substitutionsreaktionen (S_N1, S_N2) unterscheiden können
- ✅ Additionsreaktionen erklären können
- ✅ Eliminierungsreaktionen vorhersagen können
- ✅ Die Markownikow-Regel anwenden können
- ✅ Polymerisationstypen unterscheiden können
- ✅ Mechanismen skizzieren können
- ✅ Reaktionsbedingungen auswählen können
- ✅ Praxisbeispiele zuordnen können
Weiterführende Themen
- Erdöl und Organische Stoffklassen – Grundlagen organischer Verbindungen
- Produkte der Organischen Chemie – Anwendungen
- Redoxreaktionen – Oxidation/Reduktion
- Gleichgewicht und Geschwindigkeit – Reaktionskinetik
- Molekülstudio – 3D-Visualisierung von Molekülen
chemie-lernen.org - 📖 Offene, 🖱️ Interaktive und 🥽 Immersive Lerninhalte