🔧

Substitution und Addition


Substitution (Ersatzreaktion)

Bei einer Substitution wird ein Atom oder eine Atomgruppe durch ein anderes Atom oder eine andere Gruppe ersetzt. Der Name stammt vom lateinischen substituere (ersetzen). Dieser Reaktionstyp tritt typischerweise an gesättigten Kohlenstoffen auf, also an Alkanen oder Aromaten.

Beispiel – Chlorierung von Methan:

$$CH_4 + Cl_2 \xrightarrow{UV} CH_3Cl + HCl$$

Hier wird ein Wasserstoffatom des Methans durch ein Chloratom ersetzt. Die Reaktion wird durch UV-Licht gestartet (radikalische Substitution).

Mechanismus (radikalische Substitution am Alkan):

  1. Startreaktion: $Cl_2 \xrightarrow{UV} 2\,Cl\cdot$ (homolytische Spaltung)
  2. Propagation: $Cl\cdot + CH_4 \rightarrow HCl + CH_3\cdot$ und $CH_3\cdot + Cl_2 \rightarrow CH_3Cl + Cl\cdot$
  3. Termination: Zwei Radikale kombinieren (z. B. $2\,Cl\cdot \rightarrow Cl_2$)

Wichtig: Die radikalische Substitution ist nicht regioselektiv — bei längeren Alkanen entstehen Gemische verschiedener Produkte.

Nukleophile Substitution ($S_N1$ und $S_N2$)

An Halogenalkanen finden nukleophile Substitutionen statt, bei denen ein Nukleil (Elektronenpaar-Donator) ein Halogenatom verdrängt:

Merkmal $S_N2$ $S_N1$
Kinetik bimolekular unimolekular
Mechanismus ein Schritt zwei Schritte (Carbokation)
Stereochemie Inversion (Walden) Racemat
Begünstigt durch primär, starke Base tertiär, polares Lösungsmittel

Addition (Anlagerung)

Bei einer Addition lagern sich Atome oder Gruppen an eine mehrfache Bindung (Doppel- oder Dreifachbindung) an. Die Bindung öffnet sich, es entstehen Einfachbindungen.

Beispiel – Hydrierung von Ethen:

$$C_2H_4 + H_2 \xrightarrow{Pt} C_2H_6$$

Platinkatalysator beschleunigt die Reaktion. Ethen ($C_2H_4$) wird zu Ethan ($C_2H_6$) hydriert.

Typische Additionsreaktionen am Alken

  • Halogenierung: $C_2H_4 + Br_2 \rightarrow C_2H_4Br_2$ (1,2-Dibromethan)
  • Hydrohalogenierung: $C_2H_4 + HBr \rightarrow CH_3CH_2Br$ (Bromethan)
  • Hydratation: $C_2H_4 + H_2O \xrightarrow{H^+} CH_3CH_2OH$ (Ethanol)

Markownikow-Regel: Bei unsymmetrischen Alkenen lagert sich das Wasserstoffatom an das Kohlenstoffatom an, das bereits mehr Wasserstoffatome trägt.

Addition vs. Substitution im Vergleich

Eigenschaft Substitution Addition
Bindungszustand gesättigt (Einfachbindung) ungesättigt (Doppel-/Dreifachbindung)
Was passiert? Atom wird ersetzt Atome werden angelagert
Produkt neues Derivat gesättigtes Molekül
Beispielstoffgruppe Alkane, Aromaten, Halogenalkane Alkene, Alkine

Bedeutung in der Praxis

  • Pharmaindustrie: Arzneimittelsynthese basiert auf gezielter Substitution (z. B. Umwandlung von Alkoholen zu Estern)
  • Kunststoffproduktion: Additionspolymerisation von Ethen zu Polyethylen ($n\,C_2H_4 \rightarrow [-CH_2-CH_2-]_n$)
  • Tageschemie: Bromierung von Alkenen (Schwimmbadwasser), Nitrierung von Aromaten (Sprengstoffe, Farbstoffe)

Übungen

  1. Klassifiziere die folgenden Reaktionen als Substitution oder Addition. Begründe kurz. a) $CH_4 + Cl_2 \xrightarrow{UV} CH_3Cl + HCl$ b) $C_2H_4 + Br_2 \rightarrow C_2H_4Br_2$ c) $C_6H_6 + HNO_3 \xrightarrow{H_2SO_4} C_6H_5NO_2 + H_2O$

  2. Vervollständige die folgende Additionsreaktion und benenne das Produkt: $CH_3-CH=CH_2 + HBr \rightarrow \text{?}$. Wende die Markownikow-Regel an.

  3. Erkläre den Mechanismus der radikalischen Substitution am Methan. Zeige die drei Schritte (Start, Propagation, Termination) mit Elektronenformeln.

  4. Warum ist die radikalische Substitution bei längeren Alkanen ($n$-Butan) nicht regioselektiv? Welche Produkte entstehen bei der Chlorierung von $n$-Butan?

  5. Ein unbekannter Kohlenwasserstoff entfärbt Bromwasser ($Br_2$) in einer $CCl_4$-Lösung. Handelt es sich um ein Alkan oder ein Alken? Begründe mit der Reaktionsgleichung.

Verwandte Themen

  • Addition an Doppelbindungen – Elektrophile Addition an Alkene, Markovnikov-Regel, Hydrierung, Halogenierung, Hydratation – Mechanismen und Beispiele.
  • Eliminierung und Umlagerung – Fortgeschrittene Reaktionstypen in der Organik: Eliminierungen (Abspaltung von Gruppen) und Umlagerungen (innere Molekülumbauten) mit Beispielen.
  • Eliminierungsreaktionen: E1- und E2-Mechanismen – Eliminierungsreaktionen führen zur Bildung von Doppelbindungen. Die Mechanismen E1 und E2 unterscheiden sich in Kinetik, Übergangszustand und Produktselektivität.
  • Nukleophile Substitution (SN1 und SN2) – SN1- und SN2-Mechanismen: Kinetik, Stereochemie, Lösungsmitteleffekte, Abgangsgruppen und Substrateinfluss.
  • Oxidation und Reduktion in der Organik – Oxidations- und Reduktionsreaktionen in der organischen Chemie: Von Alkoholen zu Aldehyden, Ketonen und Carbonsäuren. Mechanismen und Beispiele.