Redoxreaktionen und Elektrochemie


Redoxreaktionen und Elektrochemie

Redoxreaktionen gehören zu den wichtigsten und faszinierendsten Reaktionstypen in der Chemie. Sie bilden die Grundlage für die Energieumwandlung in Batterien, ermöglichen Korrosionsprozesse und sind essenziell für das Leben selbst (Atmung, Photosynthese).

Was sind Redoxreaktionen?

Redoxreaktionen sind chemische Reaktionen, bei denen Elektronen zwischen Reaktionspartnern ausgetauscht werden. Der Begriff setzt sich zusammen aus Reduktion und Oxidation.

Grundprinzip

Bei jeder Redoxreaktion laufen immer zwei Teilreaktionen ab:

  1. Oxidation: Abgabe von Elektronen (e⁻)
  2. Reduktion: Aufnahme von Elektronen (e⁻)

Wichtig: Elektronen können nicht “frei” existieren – was oxidiert wird, muss reduzieren und umgekehrt!

Oxidation und Reduktion

Oxidation

Oxidation bedeutet:

  • Abgabe von Elektronen
  • Erhöhung der Oxidationszahl
  • Reaktion mit Sauerstoff (historische Definition)

Beispiele: $$\ce{Na -> Na+ + e-} \quad \text{(Natrium oxidiert)}$$

$$\ce{2Cl- -> Cl2 + 2e-} \quad \text{(Chlorid oxidiert)}$$

$$\ce{Fe -> Fe^2+ + 2e-} \quad \text{(Eisen oxidiert)}$$

Reduktion

Reduktion bedeutet:

  • Aufnahme von Elektronen
  • Erniedrigung der Oxidationszahl
  • Entzug von Sauerstoff (historische Definition)

Beispiele: $$\ce{Cl2 + 2e- -> 2Cl-} \quad \text{(Chlor reduziert)}$$

$$\ce{Cu^2+ + 2e- -> Cu} \quad \text{(Kupfer reduziert)}$$

$$\ce{O2 + 4e- -> 2O^2-} \quad \text{(Sauerstoff reduziert)}$$

Oxidationszahlen (Oxidationsstufen)

Die Oxidationszahl gibt an, wie viele Elektronen ein Atom formal aufgenommen oder abgegeben hat.

Regeln für Oxidationszahlen:

  1. Elemente haben Oxidationszahl 0
  2. Einfache Ionen: Oxidationszahl = Ladung
  3. Wasserstoff ist meistens +1
  4. Sauerstoff ist meistens -2
  5. Summe in Verbindung = Gesamtladung (oft 0)

Beispiele:

  • $\ce{NaCl}$: $\ce{Na+}$ (+1), $\ce{Cl-}$ (-1)
  • $\ce{H2O}$: H (+1), O (-2)
  • $\ce{H2SO4}$: H (+1), S (+6), O (-2)

Redoxpaare

Redoxpaare

Ein Redoxpaar besteht aus:

  • Oxidationsmittel (Oxidans): Nimmt Elektronen auf (wird selbst reduziert)
  • Reduktionsmittel (Reduktans): Gibt Elektronen ab (wird selbst oxidiert)

Beispiele für Redoxpaare

OxidationsmittelReduktionsmittel
Sauerstoff (O₂)Wasserstoff (H₂)
Chlor (Cl₂)Natrium (Na)
Kaliumpermanganat (KMnO₄)Eisen(II)-salze
Schwefelsäure (H₂SO₄)Kupfer (Cu)

Redoxreihe

Die elektrochemische Spannungsreihe ordnet Metalle nach ihrer Tendenz, Elektronen abzugeben.

Ausschnitt:

Li → K → Ca → Na → Mg → Al → Zn → Fe → Sn → Pb → H → Cu → Ag → Au
starkes Reduktionsmittel ╌╌╌╌╌╌ starkes Oxidationsmittel

Je weiter links, desto stärker das Reduktionsmittel.

Galvanische Zellen

Aufbau einer galvanischen Zelle

Eine galvanische Zelle wandelt chemische Energie in elektrische Energie um.

Bestandteile:

  1. Zwei Elektroden (Leiter, meist Metalle)
  2. Zwei Elektrolyte (Ionenleiter)
  3. Elektrolytbrücke (Ionenleitung zwischen Halbzellen)

Beispiel: Daniell-Element

$$\ce{Zn | ZnSO4 || CuSO4 | Cu}$$

$$\text{Anode:} \quad \ce{Zn -> Zn^2+ + 2e-} \quad \text{(Oxidation)}$$

$$\text{Kathode:} \quad \ce{Cu^2+ + 2e- -> Cu} \quad \text{(Reduktion)}$$

$$\text{Gesamt:} \quad \ce{Zn + Cu^2+ -> Zn^2+ + Cu}$$

Spannung: $E^\circ = 1.10 \text{ V}$

Elektroden

Anode:

  • Electrode, an der Oxidation stattfindet
  • Elektronen fließen ins Lösungsmittel
  • Negativer Pol in galvanischen Zellen

Kathode:

  • Elektrode, an der Reduktion stattfindet
  • Elektronen werden aus dem Lösungsmittel aufgenommen
  • Positiver Pol in galvanischen Zellen

Merkhilfe: “Anode Oxidation” (beide starten mit A, O)

Nernst-Gleichung

Die Nernst-Gleichung berechnet die Zellspannung unter Bedingungen:

$$E = E^\circ - \frac{RT}{nF} \cdot \ln(Q)$$

  • $E$ = tatsächliche Spannung
  • $E^\circ$ = Standardspannung
  • $R$ = Gaskonstante
  • $T$ = Temperatur (K)
  • $n$ = Anzahl Elektronen
  • $F$ = Faraday-Konstante
  • $Q$ = Reaktionsquotient

Elektrolyse

Was ist Elektrolyse?

Bei der Elektrolyse wird elektrische Energie zugeführt, um eine chemische Reaktion zu erzwingen, die nicht spontan abläuft.

Beispiel: Elektrolyse von Wasser

$$\text{Kathode:} \quad \ce{2H2O + 2e- -> H2 + 2OH-} \quad \text{(Reduktion)}$$

$$\text{Anode:} \quad \ce{2H2O -> O2 + 4H+ + 4e-} \quad \text{(Oxidation)}$$

$$\text{Gesamt:} \quad \ce{2H2O -> 2H2 + O2} \quad \Delta E = -1.23 \text{ V}$$

Beobachtung: Gasentwicklung an beiden Elektroden.

Anwendungen der Elektrolyse

  1. Metallgewinnung:

    • Aluminium aus Bauxit
    • Natrium aus NaCl-Schmelze
    • Kupferreinigung
  2. Galvanik:

    • Veredelung von Oberflächen
    • Korrosionsschutz
  3. Wasserstoffproduktion:

    • Elektrolyse von Wasser
    • Alkalische Elektrolyse

Batterien und Akkumulatoren

Primärbatterien (nicht wiederaufladbar)

Zink-Kohle-Element: $$\text{Anode:} \quad \ce{Zn -> Zn^2+ + 2e-}$$

$$\text{Kathode:} \quad \ce{2MnO2 + 2NH4+ + 2e- -> Mn2O3 + 2NH3 + H2O}$$

Spannung: $\approx 1.5 \text{ V}$

Verwendung: Taschenlampen, Fernbedienungen

Sekundärbatterien (wiederaufladbar)

Blei-Akku: $$\text{Entladen:} \quad \ce{Pb + PbO2 + 2H2SO4 -> 2PbSO4 + 2H2O} \quad E = 2.05 \text{ V}$$

$$\text{Laden:} \quad \ce{2PbSO4 + 2H2O -> Pb + PbO2 + 2H2SO4}$$

Verwendung: Autobatterien, USV-Anlagen

Lithium-Ionen-Akku: $$\text{Kathode:} \quad \ce{Li+ + e- + Graphit -> Li-Graphit}$$

$$\text{Anode:} \quad \ce{LiC6 -> Li+ + C6 + e-}$$

Spannung: $3.6 - 3.7 \text{ V}$

Verwendung: Handys, Laptops, E-Autos

Brennstoffzellen

Wasserstoff-Brennstoffzelle: $$\text{Anode:} \quad \ce{H2 -> 2H+ + 2e-}$$

$$\text{Kathode:} \quad \ce{1/2 O2 + 2H+ + 2e- -> H2O}$$

$$\text{Gesamt:} \quad \ce{H2 + 1/2 O2 -> H2O}$$

Vorteile:

  • Hoher Wirkungsgrad
  • Keine direkten Emissionen (nur Wasser)
  • Leiser Betrieb

Anwendungen:

  • E-Autos (Toyota Mirai, Hyundai Nexo)
  • Stationäre Stromversorgung
  • Raumfahrt (Apollo-Programm)

Korrosion

Was ist Korrosion?

Korrosion ist die ungewollte Zerstörung von metallischen Werkstoffen durch chemische oder elektrochemische Reaktion mit der Umgebung.

Rosten von Eisen

Reaktion: $$\ce{4Fe + 3O2 -> 2Fe2O3} \quad \text{(Rost)}$$

Bedingungen für Rostbildung:

  1. Eisen
  2. Sauerstoff
  3. Wasser (als Elektrolyt)

Korrosionsarten

  1. Uniforme Korrosion: Gleichmäßiger Abtrag
  2. Lochfraßkorrosion: Lokale, tiefe Angriffe
  3. Spannungsrisskorrosion: Durch mechanische Spannung
  4. Kontaktkorrosion: Zwischen verschiedenen Metallen

Korrosionsschutz

  1. Passivierung:

    • Oxidschicht (z.B. Aluminium)
    • Phosphatierung
  2. Kathodischer Schutz:

    • Opferanode (z.B. Zink an Stahl)
    • Fremdstromanode
  3. Beschichtungen:

    • Lacke
    • Galvanisierung (z.B. Verzinken)

Reaktionsgleichungen ausgleichen

Redoxreaktionen müssen elektrisch neutral sein – die Anzahl der abgegebenen und aufgenommenen Elektronen muss gleich sein.

Schritt-für-Schritt Methode

  1. Oxidationszahlen bestimmen
  2. Teilreaktionen aufstellen
  3. Elektronen ausgleichen
  4. Atome ausgleichen
  5. Ladungsausgleich
  6. Kontrollieren

Beispiel: Verbrennung von Ethan

Schritt 1: Oxidationszahlen bestimmen $$\ce{C2H6 + O2 -> CO2 + H2O}$$

  • C: $-2 \rightarrow +4$ (Änderung: $-6$)
  • O: $0 \rightarrow -2$ (Änderung: $-2$)

Schritt 2: Teilreaktionen

  • Oxidation: $\ce{C2H6 -> 2CO2}$
  • Reduktion: $\ce{O2 -> 2H2O}$

Schritt 3: Elektronen ausgleichen $$\ce{C2H6 -> 2CO2 + 12e-} \quad (6 \times 2e^- \text{ pro C})$$

$$\ce{O2 + 4e- -> 2O^2-} \quad (\text{nur } 2e^-)$$

Multipliziere Reduktion mit 6: $$\ce{6O2 + 24e- -> 12O^2-}$$

Schritt 4: Zusammenfassen $$\ce{C2H6 + 6O2 -> 2CO2 + 3H2O}$$

Nutzen Sie den Reaktionsgleichungen-Ausgleicher für komplexe Redoxgleichungen!

Alltag und Technik

Biologische Redoxreaktionen

Atmung: $$\ce{C6H12O6 + 6O2 -> 6CO2 + 6H2O} \quad \text{(Zelluläre Atmung)}$$

Energie wird freigesetzt (ATP-Synthese).

Photosynthese: $$\ce{6CO2 + 6H2O -> C6H12O6 + 6O2} \quad \text{(Lichtenergie)}$$

Reduktion von CO₂ zu Glucose.

Technische Anwendungen

  1. Metallurgie:

    • Reduktion von Erzen zu Metallen
    • Raffination von Kupfer
  2. Wasseraufbereitung:

    • Chlorung (Oxidation von Bakterien)
    • Enteisenung (Oxidation von Fe²⁺ zu Fe³⁺)
  3. Recycling:

    • Wiedergewinnung von Metallen
    • Elektrolyse zur Reinigung

Farbreaktionen

Oxidationsreaktionen mit Farbreaktion

Viele Redoxreaktionen sind mit Farbänderungen verbunden:

Kaliumpermanganat (KMnO₄):

  • Oxidierend: violett → farblos
  • In saurer Lösung: violett → farblos

Eisen(II)- zu Eisen(III)-Ionen:

  • Fe²⁺ (hellgrün) → Fe³⁺ (gelbbraun)

Nachweisreaktionen

Nachweis von Wasserstoffperoxid ($\ce{H2O2}$): $$\ce{H2O2 + 2KI + H2SO4 -> I2 + K2SO4 + 2H2O}$$

Braune Farbe von Iod (Stärke-Nachweis: blau-schwarz)

Experimente

Experiment 1: Kupferabscheidung

Materialien: Kupfersulfatlösung, Eisenfeiln, Becher

Durchführung:

  1. Eisenfeiln in Kupfersulfatlösung geben
  2. Farbänderung beobachten (blau → grün)
  3. Kupferbelag auf Eisen beobachten

Erklärung: $\ce{Fe + Cu^2+ -> Fe^2+ + Cu}$

Experiment 2: Knopfzelle

Materialien: Kupfermünze, Zinkblech, Zitrone, Kabel, LED

Durchführung:

  1. Kupfermünze und Zinkblech in Zitrone legen
  2. Mit Kabeln und LED verbinden
  3. Leuchten der LED beobachten

Erklärung: Galvanische Zelle aus Cu und Zn

Experiment 3: Elektrolyse

Materialien: Elektrolyse-Apparat, Stromquelle, Elektroden, Salzlösung

Durchführung:

  1. Salzlösung in Elektrolyse-Apparat füllen
  2. Strom einschalten
  3. Gasentwicklung an beiden Elektroden beobachten

Erklärung: $\ce{2NaCl -> 2Na + Cl2}$ (im geschmolzenen Zustand)

Berechnungen

Faraday-Konstante

Die Faraday-Konstante $F$ ist die Ladung eines Mols Elektronen:

$$F = N_A \cdot e^-$$

$$F = 6.022 \times 10^{23} \text{ mol}^{-1} \cdot 1.602 \times 10^{-19} \text{ C}$$

$$F = 96485 \text{ C/mol}$$

Stoffmenge aus Elektrizitätsmenge

$$n = \frac{Q}{z \cdot F}$$

  • $n$ = Stoffmenge (mol)
  • $Q$ = Elektrizitätsmenge (C)
  • $z$ = Anzahl Elektronen
  • $F$ = Faraday-Konstante

Beispiel: Wie viel Kupfer kann mit 1 A in 1 Stunde abgeschieden werden?

$$Q = I \cdot t = 1 \text{ A} \cdot 3600 \text{ s} = 3600 \text{ C}$$

$$z = 2 \quad (\ce{Cu^2+ + 2e- -> Cu})$$

$$n = \frac{3600 \text{ C}}{2 \cdot 96485 \text{ C/mol}} = 0.0187 \text{ mol}$$

$$m = n \cdot M = 0.0187 \text{ mol} \cdot 63.55 \text{ g/mol} = 1.19 \text{ g}$$

Lernziele

Nach Abschluss dieses Themenbereichs sollten Sie:

  • ✅ Oxidation und Reduktion unterscheiden können
  • ✅ Redoxpaare identifizieren können
  • ✅ Oxidationszahlen bestimmen können
  • ✅ Galvanische Zellen beschreiben können
  • ✅ Elektrolyse erklären können
  • ✅ Den Aufbau von Batterien verstehen können
  • ✅ Redoxgleichungen ausgleichen können
  • ✅ Korrosionsprozesse erklären können
  • ✅ Faradaysches Gesetz anwenden können

Weiterführende Themen